Wunder aus Rumänien
01.07.2010 – Uncategorized
Mit dem neuen Duster drückt Dacia zu Kampfpreisen ab 11.900 Euro ein Superschnäppchen in den SUV-Markt. Für die fassungslose Offroad-Branche fast schon eine Unverschämtheit. Fehlte zu allem Verdruss, dass der Wagen auch noch Qualitäten hat…
Zugegeben – ein bisschen Renault ist beim Preisbrecher aus Rumänien schon dabei. Genauer gesagt: Eine ganze Menge! Schließlich gehört Dacia seit 1999 zum französischen Konzern. Zusammengearbeitet wird schon länger: In Lizenz fertigte Dacia erstmals Ende der Sechziger Jahre den Renault 8 und blieb auch während der Zeit des Eisernen Vorhangs mit Renault verbandelt. Zwangsläufig. Denn mangels Devisen und Kaufkraft des eigenen Volkes hielt man sich bei Dacia mit Modellpflege oder gar eigenen Entwicklung gar nicht erst auf: Den Dacia 1300, ein Nachbau des Renault 12, dengelten die Arbeiter des Werks in Pitesti 35 Jahre lang zusammen. Ohne große Veränderung – versteht sich. Dem Volk war’s egal. Hauptsache, es kam im kommunistischen Balkanstaat überhaupt von A nach B.
Anders im neuen Jahrtausend. Spätestens seit Beitritt zur EU scheint das Land am Schwarzen Meer aufgewacht zu sein. Und mit ihm Dacia. Im Jahr des Abwrackwahns boxen sich neu entwickelte Modelle dank niedriger Löhne und intelligenter Gleichteil-Politik der Konzernmutter den Weg zu deutschen Konsumenten frei. Argwöhnisch beäugt von Wettbewerbern rollen die Autos in die Herzen und Garagen extrem kostenbewusster Käufer, denen Funktionalität vor Image und Innovation geht. Doch wo ist der Haken? Es muss einen geben! Denken zumindest die Testredakteure zahlreicher Automobilzeitschriften. Und werden bald eines Besseren belehrt: Die Dacias bleiben auch nicht häufiger liegen, als Produkte von Volkswagen – dafür kosten sie nur einen Bruchteil: Ab 7.000 Euro ebnet der freundliche Dacia-Händler Ihnen beispielsweise den Weg zum Kleinwagen „Sandero“. Wie bitte? Nein – das ist kein Witz!
Mit Handarbeit zum Gipfel
Eins fehlt den vernünftigen Billigheimern aus der Walachei bislang: Ein Quäntchen Sex sowie eine Prise Unvernunft. Beides liefert der Hersteller jetzt nach – in Form des neuen Dacia Duster, eines herrlich unnötigen SUVs zu einem, Sie ahnen es bereits, erneut frivolen Preis. 11.900 Euro und der bullig wirkende Geländewagen ist Ihrer. Aber macht das Sinn? Es macht. Und zwar dann, wenn Ihnen Materialanmutung, Markenbildung und elektronischer Firlefanz nicht ganz so wichtig sind, sie aber schon immer Mal hoch „über den Dingen“ thronen wollten. Einmal Platz genommen, weitet sich der Horizont und gewährt undogmatische Ausblicke auf das, was wirklich zählt: Form, Funktion und Fun. Selbstbewusst stürmt der eigenständig gezeichnete Karpatenwolf entweder mit Vorderradantrieb (4×2) oder als Allradler (4×4) drauflos. Für jene also, die nur selten durch die Mojave-Wüste rumpeln wollen, aber auf dem Weg zum nahen Baggersee gern etwas mehr Luft unter dem Wagenboden wünschen, eine spritsparende, da reibungsarme Option. Wer hingegen gern mit bis zu vier Beifahrern kraxelt, stößt mit dem 4×4 Antrieb (1.800 Euro Aufpreis) bei Bedarf in Regionen vor, die bislang mindestens dreimal so teuren 4-Wheelern vorbehalten waren. Dabei müssen die Passagiere des Duster in der günstigsten Version freilich auf so essentielle Dinge wie Klimaanlage oder Ledersitze verzichten. Und auch die Fenster wollen, welch Zumutung, von Hand gekurbelt werden. Aber wer sagt, dass man sich dabei den Arm abbricht? Im Gegenzug erhalten stylisch anspruchsvolle Sparfüchse vielmehr ein unkompliziertes, gänzlich statusfreies Auto, das sich aufs Nötige konzentriert, ohne auf optische Reize zu verzichten. Der Fahrspaß wird durch die weiche Abstimmung des Fahrwerks, welches vor allem Schotterpisten gut abkann, nur unwesentlich getrübt. Eher schon kann man die etwas bockige Lenkung kritisieren sowie die Wankbewegungen bei flotter Kurvenfahrt. Dafür entschädigt der Duster mit einem guten Raumangebot. Ach ja. Hinten lümmelt es sich etwas hart und wenig konturiert. Doch fix ein paar Kissen gekauft, schon reist es sich auch hier wieder wohlig und angenehm. Was bleibt, ist der Eindruck, dass der Duster besser ist, als alles, was Dacia bisher auf vier Räder brachte. Vor allem jedoch hübscher. Oha! Sollte sich da etwa ein Image bilden? Wir würden es dem schicken Rumänen, der mit drei Jahren Garantie (sechs gegen Durchrostung) aufwartet, auf jeden Fall gönnen und wünschen.
Das dfm Fazit:
Wer Dynamik will, kommt nicht um die 107 PS starke Motorvariante dCi 110 FAP herum. Nur sie allein kann zudem mit ESP geordert werden und erreicht im Vergleich zu anderen Varianten die Euro 5 Abgasnorm. Hat man diese Prioritäten gesetzt, besteht die Wahl zwischen dem Ausstattungspaket Lauréate und Prestige ab 15.400 bzw. 16.400 Euro. Wem dieser Preisunterschied keine Kopfschmerzen bereitet, fährt mit der teureren Prestige-Variante am besten: Sie enthält bereits das Klang- und Klimapaket, Ledersitze, Unterfahrschutz, Schweller in mattem Chrom, 16 Zoll Alus und vieles mehr. Damit nicht genug erlaubt Dacia den Kunden zahlreiche weitere Individualisierungsmöglichkeiten bis hin zu lackierten Stoßfängern, getönten Scheiben oder Türgriffen in Wagenfarbe. Und das aus Rumänien! Wir sagen: „Felicitări“*!
* „Gratulation“ auf Rumänisch.
Autor: Ulrich J. Lehmann
Fotos: SC Automobile Dacia SA
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