Rolling Albert Hall
31.08.2010 – Uncategorized
Limitiert auf 550 Exemplare macht sich der Bentley Brooklands rar auf den feinen Boulevards dieser Welt. Aus dem Stammwerk im englischen Crewe heißt es bereits, die Kleinserie sei fast ausverkauft. Zeit also für eine Inspektion.
Dampfmaschine im Abendkleid
Es sind Daten, die hartgesottenen PS-Fetischisten Respekt einflössen: 1050 Newtonmeter Drehmoment bei 3.250 Umdrehungen der Kurbelwelle! Nun, was soll das sein?! Etwa ein Bugatti? Weit gefehlt: Die Rede ist vom Brooklands, dem edelsten Coupé am hell leuchtenden Bentley Himmel.
Inspiration für den aristokratischen Zweitürer holte sich Bentley Chef-Designer Dirk van Braeckel bei den legendären Bentley Coupés des letzten Jahrhunderts: „Das waren allesamt große, kraftvolle, muskulöse und dynamische Autos, versehen jedoch mit den klassisch britischen Proportionen eines Grand Touring Coupés. Diese Tradition wollte ich mit meinem Entwurf fortschreiben!“ Und tatsächlich: Die Abmessungen des fertigen Wagens mit seiner langgestreckten Motorhaube und dem kurzen vorderen Überhang erfüllen das Designziel. Analog dazu vermitteln die niedrige Dachlinie, die steil angewinkelte Windschutzscheibe und die riesigen Reifen Kraft und Dynamik wie kaum ein anderes Luxuscoupé unserer Zeit.
Aus den Vollen schöpften die Karosseriebauer bei der Heckscheibe, die quasi zu schweben scheint. Grund: Ihre Unterkante präsentiert sich deutlich über der Oberkante des Kofferraumdeckels, wodurch eine fließende, makellose Linienführung zum Heck des Wagens entsteht. Diese äußerst elegante Zeichnung wirkt schlicht und lässt daher kaum erahnen, welch aufwändige, von Hand ausgeführten Verschweißungen der hinteren Kotflügel mit dem hinteren Dachholm nötig sind.
Kaminzimmer
Nun hat der Brooklands äußerlich klar gestellt, was er ist. Nämlich ein gestandener Lord mit zwei gigantischen Pforten. Doch wie gefällt die Einrichtung? Wir meinen: Wer auf britische Tee-Zeremonien in heimeliger Clubatmosphäre steht, kann den 12-Volt Wasserkocher für den Zigarettenanzünder gleich mitbringen und den Earl Grey ansetzen. Einzig die berühmte englische Kaminecke fehlt, um die Illusion perfekt zu machen. Doch dürfte Lord Hesketh-Fortescue dank anderer Features milde gestimmt sein: Das Leder von 16 Kühen ist frühestens nach 125 Stunden ausdauernden Nähens an seinem Platz, und das erlesene Wurzelholzfurnier des Armaturenbretts um eine imaginäre Mittelachse spiegelbildlich angebracht. Die Füße wiederum kuscheln in Auslegeware, die 16 Schafe spendeten. Tatsächlich können Bentley-Kunden ganz nach ihren individuellen Ansprüchen aus einer unzähligen Palette maßgeschneiderter Applikationen, Verkleidungen, Furnieren und Leder-Farbtönen wählen und so die Individualisierung ihres Schätzchens auf die Spitze treiben. Besonders markant: Die Anordnung der vier tief konturierten Einzelsitze, die übrigens außerordentlich viel Beinfreiheit offerieren: Neben den aus Aluminium gefertigten Pedalen und Fußstützen betonen sie den sportlichen Stil des Gentleman-Gleiters. Dazu gesellt sich erstmals ein einteiliger Dachhimmel, der sich ohne Unterbrechung von der Windschutzscheibe bis ins äußerste Heck des Wagens erstreckt. Geschickt spiegelt er das lange, schlanke Profil des Exterieurs wider. Abgerundet wird die Opulenz durch den voluminösen Raumeindruck, der durch das Weglassen einer festen B-Säule noch an Großzügigkeit gewinnt.
Der stärkste V8-Motor, der je in Crewe gebaut wurde, brummt nach Betätigung des dezent in der Mittelkonsole eingelassenen Anlasserknopfes kaum hörbar. Von den rekordverdächtigen 1.050 Newtonmetern ist noch nichts zu spüren. Beschreibt man dem Gaspedal jedoch seinen angestammten Weg, hechtet der stählerne Koloss scheinbar mühelos auf die Überholspur. Nur das laute Lechzen und Brüllen aus dem Maschinenraum liefert einen ungefähren Eindruck davon, welche Kräfte hier walten. Tatsächlich katapultiert das handgefertigte V-8 Aggregat das Luxuscoupé in nur fünf Sekunden von 0 auf 100 km/h und – bei Bedarf – auf unglaubliche 296 km/h. Wie bitte, Sie halten sich gern in solchen Geschwindigkeitsregionen auf? Dann sehen Sie zu, einen Brooklands mit Karbon-Bremsen zu ergattern. Der fünfstellige Aufpreis für dieses Sicherheitsfeature dürfte bei einem Listenpreis von mindestens 345.000 Euro wohl kaum mehr ins Gewicht fallen…
Das dfm Fazit:
Ein Auto, das die Welt nicht braucht? Vielleicht. Doch sind es nicht oft diese Exoten, welche die Eintönigkeit aus dem automobilen Alltag so wohltuend vertreiben? Milde stimmt auch, dass im Brooklands so viel hochqualifizierte Handarbeit steckt, wie in kaum einem anderen PKW unserer Zeit: Ob Leder- oder Holzarbeiten, ob klassischer Karosseriebau oder der Motorenbau von Hand – wer einen Bentley kauft, sichert ganz nebenbei Arbeitsplätze, die andernorts längst ausgestorben sind. Quasi eine Umverteilung nach unten – in heutigen Zeiten zumindest eine Erwähnung wert.
Autor: Ulrich J. Lehmann
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