Riesen im Regenwald

01.03.2010 – Uncategorized

Der relativ kleine Staat Ruanda in Zentralafrika war zuletzt vor rund fünfzehn Jahren in den Schlagzeilen, als dort der Völkermord zwischen Hutus und Tutsis zu über einer Million Opfern führte.

Dabei galt Ruanda bereits zu Zeiten der Kolonisierung durch Belgien als die Schweiz Afrikas, nicht zuletzt wegen der hügeligen Landschaft mit rund 1.000 Bergen und Bergwiesen mit weidenden Kühen und für einige Monate im Jahr schneebedeckten Gipfeln. Im Mittelpunkt meiner Reise dorthin Mitte September 2009 standen die Vulkangipfel im Dreiländereck zwischen Ruanda, Kongo und Uganda. Der ehemals alles bedeckende Regenwald ist schon seit Jahrzehnten einer intensiven Landwirtschaft gewichen und erst ab Höhen über 2.000 Meter bis zu den Berggipfeln mit 4.000 bis 5.000 Metern herrscht dichter Regenwald. Er wurde zum Rückzugsgebiet der Berggorillas, die ich seit vielen Jahren besuchen wollte. Während in einigen wenigen Zoos der Welt Flachlandgorillas, die etwas kleiner sind, gehalten und teilweise auch mit Erfolg gezüchtet werden, hat kein Zoo der Welt die großen Verwandten, die Berggorillas, im Gehege. Dies liegt daran, dass die Berggorillas in straff geführten Familiengruppen leben, was man natürlich in einem Zoo nicht nachstellen kann. Geführt von dem so genannten Silberrücken, dem männlichen Herrscher jeder Gorillafamilie und der Gorilla-Queen, seiner Lieblingsfrau, leben 15 bis 40 Gorillas als Familie zusammen. Sie ziehen gemeinsam ihre Jungen auf und wandern in dichten Bambushainen des Regenwaldes, wo sie als reine Vegetarier das ihnen liebste Futter finden.

Meinen langjährig gehegten Reisewunsch im Herbst 2009 umzusetzen, hatte auch den Grund, dass ich den Fotografen der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft kennenlernte. Dieser außergewöhnliche Fotograf steuerte unter anderem Bilder zu dem berühmten Bildband „Serengeti darf nicht sterben“ nach dem gleichnamigen Oscar-preisgekrönten Film bei. Norbert wurde vielfach auf internationalen Fotoausstellungen für seine Arbeiten ausgezeichnet und jetzt im September 2009 durfte ich ihn auf einer Reise nach Ruanda begleiten. Insgesamt sind dort rund 20 Gorillafamilien über Jahre habituiert, also an Menschen gewöhnt worden. 15 der Gruppen dürfen von Touristen besucht werden. Jeder Gruppe dürfen maximal 8 Teilnehmer angehören, die Besuchslizenzen sind über Monate ausverkauft und kosten pro Tag und pro Person rund 250 Dollar. Mit diesem Geld werden die Park-Ranger im Virunga National Park, der die Höhenlagen der Vulkanberge umfasst, bezahlt. Zugleich wird an die umliegenden Dörfer der Hauptteil der Einnahmen abgegeben, damit die örtlichen Bauern und andere Einheimische Verständnis für den Schutz der Gorillas aufbringen. Rein statistisch gesehen erbringt jeder der bis zu 45 Jahre alt werdenden Berggorillas in seinem Leben rund 3,4 Millionen Dollar Tourismusgebühren.

Die kleinen Besuchergruppen dürfen sich maximal eine Stunde in der Nähe der Gorillafamilien aufhalten. Von den Park-Rangern und Spurensuchern wird streng darauf geachtet, dass kein Besucher näher als vier bis fünf Meter an die Gorillas herankommt. Wenn diese sich aus Neugier nähern, soll man vorsichtig ein paar Schritte zurückgehen, sich zur Not prüfend anfassen lassen, diese Berührungen aber nicht erwidern, um die Übertragung von Bakterien von Menschen auf den Gorilla und natürlich auch umgekehrt zu verhindern. Ich hatte das Glück, für zwei Tage für mich und den mich begleitenden Berufsfotografen Lizenzen zu erhalten. Die Begegnung mit den großen Riesen des Regenwaldes unterhalb der Vulkangipfel gehörte für mich zu den tiefgreifendsten Erlebnissen meines Lebens. Der Blick in die Augen des betagten Oberhaupts unserer Gorillafamilie, des Silverbacks mit dem Namen Kwitonda, und die Vertrauen erweckenden Brummlaute der ältesten und ranghöchsten Gorilladame, all das machte mich überglücklich über dieses intensive Erlebnis. Wer eine intensive Begegnung mit den letzten freilebenden Gorillas – 400 von ehemals über 50.000 – sucht, dabei auch etwas Gutes für die umliegende Region tun kann und in guter körperlicher Verfassung ist, dem sei eine Exkursion zu den dunklen Riesen der afrikanischen Bergwelt ans Herz gelegt – aber jeder kann sich beim Lesen meiner Abenteuerstory hineinversetzt fühlen in die Welt unserer engsten „Verwandten“ unter den Gipfeln der Virunga-Vulkane.

Autor: Reinhold Wild


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